
Homeschooling ist in Deutschland verboten. Dennoch sehen immer mehr Familien im Unterricht zu Hause ihre Alternative zum bestehenden Schulsystem. Aber sie müssen sich entscheiden: Für das Leben im Exil oder in der Illegalität.
Die blonde Frau mit den wilden Locken sitzt gemeinsam mit ihrem Sohn Ben am Küchentisch. Die letzten Reste des Frühstücks stehen noch dort, wo jetzt bereits konzentriert gearbeitet wird. Beide beugen sich über ein Arbeitsblatt. Ben liest: “schl…ei, kl..a, d…dr..dru, tra, kli, flo” “Ja, die letzten vier hast du schon richtig gut gelesen.”, Bens Mutter lächelt ihren Sohn an.
Was hier wie eine Szene einer mütterlichen Hausaufgabenbetreuung aussieht, ist in Wirklichkeit richtige Schule, denn Ben und seine Mutter machen Homeschooling. Sie sind Deutsche und wohnen in Belgien. Ben ist zehn und Legastheniker, deshalb fällt ihm Lesen und Schreiben lernen sehr viel schwerer als anderen Kindern.
Ben wurde ganz normal in die deutsche Grundschule eingeschult, die bereits sein Bruder seit zwei Jahren besuchte. War er anfangs noch euphorisch und neugierig, zeigten sich bei ihm schon nach wenigen Wochen depressive Züge. “Er klagte, dass alle Kinder in der Klasse beim Lesen immer besser würden, nur er immer schlechter. Er konnte zu Hause nicht mehr still sitzen, redete ununterbrochen und brach bei jeder Kleinigkeit in Tränen aus.”, berichtet die Mutter. “Die Schule sagte dazu nur, mein Sohn könne das, er wolle einfach nicht. Ich solle mehr Druck machen.”
Einen Rat, den sich die Mutter zunächst zu Herzen nahm. So brach sie die Hausaufgaben nicht mehr ab, wenn sie merkte, dass ihr Sohn nicht mehr konnte, sondern ließ ihn die Aufgaben bis zum Ende machen. “Manchmal sogar zwei Stunden lang. Was jedes mal in Tränen von uns beiden endete.”, erinnert sich die Mutter. “Wir wurden alle immer aggressiver. Irgendwann konnten wir einfach nicht mehr. Die Schule empfahl uns in weiteren Gesprächen nun den Besuch einer Sonderschule. Als mein Sohn irgendwann zu mir sagte: ‘Mama, ich weiß gar nicht, warum ich noch lebe.’ schrillten bei uns die Alarmglocken. Zum Glück begannen kurz darauf die Sommerferien, in denen wir Zeit zum Nachdenken hatten.”
In den Sommerferien beschloss Familie Hübner, ihren Sohn von der Schule abzumelden und selbst zu unterrichten. Um die Schulpflicht zu umgehen, meldeten sie ihren Sohn beim Einwohnermeldeamt ab und sagten, er wäre zu seinen Großeltern gezogen. Was mehr eine Verbiegung der Wahrheit, als eine Lüge war, wie die Mutter betont. Denn die Hübners wollten zumindest wochenweise in das Haus der Großeltern nach Belgien zu ziehen.
Zwei Jahre lang lebten Frau Hübner, ihr Sohn mit der damals 1jährigen Tochter abwechselnd in Belgien und in Deutschland. Der älteste Sohn, der zu der Zeit die dritte Klasse besuchte, und der Vater blieben daheim in Deutschland. “Jedes Mal, wenn es klingelte, schreckte ich hoch und mein Herz raste. Schließlich hätte es die Polizei sein können, die uns unser Kind wegnehmen will.”, erzählt die Mutter von ihren Aufenthalten in Deutschland. “Auf die Straße gehen oder mit anderen Kindern spielen kam überhaupt nicht mehr in Frage. Und mein Sohn wäre so gerne mit in den Supermarkt gekommen. Zum Glück konnte er trotzdem noch in unserem großen Garten spielen, der von der Straße nicht einsehbar war. Was sich allerdings änderte, als ein ehemaliger Schulkamerad im zweiten Stock des Nachbarhauses einzog.”
Dass dies keine gute Lösung für die Familie war, wurde den Hübners schnell klar. So warteten sie bis der große Sohn die Grundschule beendet hatte und zogen komplett nach Belgien. Die eineinhalbstündige Anfahrt zur Arbeit nimmt der Vater, der Geschäftsführer eines großen Unternehmens im Ruhrgebiet ist, gerne in Kauf. Denn er sieht, dass es seiner Familie in Belgien jetzt viel besser geht. “Auch für unseren großen Sohn hatte der Umzug Vorteile. Er besucht jetzt ein bilinguales und naturwissenschaftlich gut aufgestelltes Gymnasium in Aachen. Er liebt Chemie, Physik und Biologie. Am Gymnsasium in der Stadt in Deutschland, in der wir wohnten, sind immer noch die Lehrer, die ich als Kind schon schlimm gefunden hatte.”
Wie den Hübners geht es vielen Familien in Deutschland. Aber nur wenige entscheiden sich, Deutschland den Rücken zu kehren und ihre Kinder selbst zu unterrichten. Einige bleiben auch in Deutschland und unterrichten ihre Kinder trotzdem zu Hause – in der Illegalität. Häufig fällt das auf, aber eben nicht immer. Wie bei Familie Sauer aus Düsseldorf. “Unsere Tochter war auf einer Montessori-Schule und hatte eigentlich gute Noten. Aber irgendwie fühlte sich das nicht richtig für uns an. Vor zwei Jahren sind meine Tochter und ich nach Belgien gezogen.”, erzählt die Mutter. “Aber der Kulturschock für uns Städter auf dem Land zu leben, war einfach zu groß. Auch die räumliche Trennung zu meinem Mann hat uns nicht gut getan. Deshalb sind wir zurück gekommen und haben uns einfach nicht mehr angemeldet.” Seit mehr als einem Jahr wohnt die Familie wieder in Deutschland. Angst entdeckt zu werden, habe sie natürlich schon, gibt die Mutter zu. Doch der Rückhalt von Familie und Freunden bestärke sie.
Wie viele Deutsche sich über die deutsche Schulpflicht hinwegsetzen, kann nicht geklärt werden, da die meisten Eltern dies im Verborgenen tun oder auswandern. Stefanie Mohsennia, die rund 200 deutsche Freilerner-Familien kennt, geht davon aus, dass es derzeit über 1000 Familien in Deutschland gibt, die ihre Kinder nicht in die Schule schicken. “Es werden immer mehr.”, sagt Stefanie Mohsennia, die Freilerner-Treffen in NRW organisiert und selbst ein Buch zum Thema geschrieben hat. “Sowohl bei mir als auch bei anderen engagierten Einzelpersonen und Freilerner-Organisationen landen in den letzten Monaten sehr verstärkt Anfragen. Kamen in den vergangenen Jahren eher 5 bis 8 Familien zu unseren Treffen, so waren es bei den letzten Malen 10 bis 15 interessierte Eltern mit ihren Kindern. Viele von ihnen sind schon nach Frankreich, England, Österreich oder Belgien gezogen und machen dort Homeschooling.”
Entschieden sich anfangs die meisten Familien in Deutschland aus religiösen Gründen für das Homeschooling, so ist die Entscheidung heute oft pragmatischerer Natur. Viele deutsche Homeschooler entschlossen sich zu diesem Schritt, weil ihre Kinder hochbegabt oder lerngestört sind oder in der Schule gemobbt werden. Häufig sind es Akademiker und Familien aus der Mittelschicht, die für ihre Kinder eine bessere Alternative zur Regelschule suchen. Sind Privatschulen in noch erreichbarer Entfernung des Wohnorts nicht vorhanden oder überfüllt, so werden oft auch ungewöhnliche Maßnahmen in Betracht gezogen. Es sind Menschen, die sich immer mehr Gedanken darüber machen, wie sie leben, die gesellschaftliche Normen und Zwänge in Frage stellen und Verantwortung für ihr eigenes Leben übernehmen. So sind unter den Interessierten, die die Freilerner-Treffen in NRW besuchen, auch überdurchschnittlich viele Langzeitstiller, Unerzogene, Veganer und Impfkritiker zu finden.
Dr. Thomas Spiegler, der im Rahmen seiner Doktorarbeit über das Thema Homeschooling forschte, bestätigt, dass die Zahl der deutschen Homeschooler in den letzten 15 Jahren gestiegen ist. Während der Neunzigerjahre war laut Spiegler zunächst nur ein stilles Wachstum zu verzeichnen. “Ab dem Ende der Neunziger begann ein Prozess der Vernetzung, Professionalisierung und Institutionalisierung, der nach wie vor anhält und die Gestalt der Bewegung deutlich verändert.”, erklärt Spiegler in seinem Buch.
Mittlerweile spuckt ein selbst gebastelter Vulkan Lava aus Essig, Backpulver und Lebensmittelfarbe auf dem Tisch der Familie Hübner. Seit zwei Wochen beschäftigen sich Mutter und Sohn bereits mit Vulkanen. Morgen wollen sie einen Seismographen bauen und sich eine Dokumentation über Erdbeben auf DVD ansehen. “Ja, es ist schon anstrengend, wenn man sich neben der normalen Probleme als Mutter noch um Dinge wie den Lehrplan kümmern muss. Aber es macht unglaublich viel Spaß, nicht nur meinem Sohn, sondern auch mir. Und das Beste dabei, ich lerne jetzt mit großer Freude so einiges, das ich in der Schule nie verstanden habe.”
Nicole Dornseif, 20.04.2013
Schulfrei: Vom Lernen ohne Grenzen
Stefanie Mohsennia, Anahita-Verlag
Home Education in Deutschland: Hintergründe – Praxis – Entwicklung
Thomas Spiegler, VS Verlag für Sozialwissenschaften